Was sie erweckte · Leseprobe
Prolog
Buffalo, New York · 13. Oktober 2023
Er trat durch die Glasdrehtür und sah sich im Restaurant um. Verdammte Hipster. Rentner mit ihrer verdammten Floridabräune. Asiaten, Hispanos. Alle verdammt fein angezogen. Gut, gut. Die Show konnte losgehen.
Er klemmte seinen Gehstock – feinstes, glattpoliertes Kirschholz – unter die Achsel. Würdevoll hob er das Kinn und ging auf den Oberkellner zu.
„Haben Sie reserviert?“
„Mellock“, sagte er im herrischen Ton. „Sir Mellock für Sie …“
Einige der Gäste steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Gut, gut, dachte er.
Der Oberkellner trat hinter die Rezeption, fuhr mit dem Finger über den aufgeschlagenen Kalender und kam mit langen Schritten wieder zurück.
„Bei dem Namen hätte ich hellhörig werden sollen.“ Er ging voraus, wedelte einen Kellner herbei und befahl ihm, den Tisch Nummer dreizehn freizuräumen. „Sie sagten meinem Kollegen, dass Sie Investor seien.“ Er blinzelte neugierig. „Worin investieren Sie, wenn ich fragen darf?“
Mellock runzelte die Stirn.
„Geht Sie einen Scheiß an. Sehen Sie zu, dass der Tisch fertig wird. Hab nicht ewig Zeit.“
Er sah zu dem Kellner, der hastig eine zerknüllte Tuchserviette von Tisch Nummer dreizehn nahm. „Und schicken Sie mir einen anderen Kellner als den da. Dem wachsen büschelweise Haare aus den Ohren. Ist ja ekelig! Ugh!“ Er zeigte mit dem Stock auf den Kellner. „ZIEH DIR GEFÄLLIGST EINE MÜTZE AN!“
„Arschloch…“, grummelte irgendwo jemand.
Der Oberkellner eilte zu dem Kellner, flüsterte ihm etwas ins Ohr und nahm ihn mit in die Küche.
„Und bringen Sie mir Ihre besten Whiskeys. Aber etwas dalli bitte, ja?“, brüllte Mellock.
Direkt neben seinem Tisch saß eine Dame. Vielleicht Mitte Dreißig. Der Platz vor ihr war frei. Dickes braunes Haar. Glänzte richtig.
Mellock beugte sich über sie und starrte ihr in den Ausschnitt.
„Erwarten Sie jemanden?“
„Ja…mein…ähm…mein Mann sollte gleich hier sein.“ Sie blickte starr nach vorn. „Bitte gehen Sie…gehen Sie einfach…“
Mellock streichelte ihre rechte Schulter. Sie klatschte ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, stand auf und klackerte auf hohen Absätzen zur Tür hinaus.
Mellock sah sich um. Die entsetzten Gesichter. Gut, gut. Doch ein paar versuchten ihn noch immer zu ignorieren.
Er setzte sich an seinen Platz, lehnte den Stock an den Tisch. Der Oberkellner kam mit einem Silberwagen, auf dem sechs Whiskeyflaschen standen. Macallan 71, Dalmore Trinitas und der 64er. Nicht schlecht, dachte Mellock.
Der Oberkellner verbeugte sich und füllte den ersten Whiskey in einen Tumbler. Er reichte Mellock das Glas. Mellock leerte es in einem Zug und verzog das Gesicht.
„Jedes abgestandene Fat Tire schmeckt besser“, sagte er. „Drecksbrühe! Jetzt die anderen…“
Das Gesicht des Oberkellners lief rot an. Er verbeugte sich leicht.
„Natürlich“
„Zackzack…Idiot.“ Der Oberkellner nahm die nächste Flasche. Sie war versiegelt. Er bekam die Versiegelung nicht ab.
„Na, seht euch das an. Ungeschickt ist er auch noch …“
Mellock ließ sich die beiden anderen Edelwhiskeys einschenken. Als er den letzten Whiskey gekostet hatte, winkte er einem Kellner zu, der mit schockiertem Blick in der Küchentüre stand. Ein Inder oder Latino oder sowas.
„He, Pakistani! Steh nicht dumm rum! HEH GLUBSCHAUGE! Bring die Speisekarte her. Und zwar dalli dalli“, rief Mellock. „Und du – Mr. Oberwichtig – verpiss dich und schaff mir diese Plörre aus den Augen.“
Der Oberkellner sah ihn entgeistert an, nickte dann und fuhr eilig mit dem Silberwagen in die Küche.
„Menschen …ich sag’s immer wieder – immer wieder sag ich’s. Was gibt’s Schlimmeres, als Menschen?“
Mellock rülpste. Er furzte. Er sah sich um.
Gut, gut. Nun sahen sie ihn alle.
„Abschaum seid ihr …ihr alle“, sagte er.
Er lachte und bestellte das beste Steak. Medium-rare. Er verzehrte das Steak, indem er es viertelte und sich die Gabel tief in den Rachen schob. Er rülpste. Dann stand er auf, nahm seinen Stock und ging.
Der Oberkellner kam aus der Küche gestürmt.
„Heh, Mr.! Sie…HEH! Zahlen. Sie müssen ZAHLEN. HEH!“
Mellock drehte sich um.
„Zahlen? Wofür? Der Whiskey war eine Beleidigung. Das Steak zum Kotzen.“
Der Oberkellner richtete seine Fliege. Er trat vor Mellock. Er war einen Kopf größer, aber nur halb so selbstbewusst.
„Entschuldigen Sie, aber –“
Mellock riss einer Frau, die neben ihm am Tisch saß, das Weinglas aus der Hand und kippte es dem Oberkellner über den Kopf.
„Wie schmeckt das? Sag’s mir.“
Dann schwang er seinen Gehstock und rammte ihn dem Oberkellner in die Seite. Der Oberkellner wurde blass im Gesicht.
„Ruf die Polizei…“, murmelte irgendwo jemand.
Mellock lachte. Er lachte und trat durch die Glastüre.
Dann klingelte sein Diensthandy. Er ging ran.
„Yeah…ich hoffe du hast gute…was? Wer? Scheiße…ja ja…geht dich nichts…ich bin in einer Stunde da…fass nichts an, lass niemanden ins Haus. Nicht mal die Spurensicherung, verstanden?“
Mellock schnaubte. Nicht einmal der kalte Wind half gegen die Hitze, die ihm vom Magen aufstieg. Das Smartphone fühlte sich an wie ein Fremdkörper in seiner Hand. Er presste es so fest, dass das Plastik knirschte. Dieser Fall – schon der Name ließ etwas in ihm erstarren. Vielleicht war es der einzige Name, der ihn eines Tages einholen und zerbrechen würde.
1
Ithaca, New York · 1. September 2023
Als Shauna ihren Chevy auf der Cayuga Street parkte und durch die Glastür mit der goldenen Spencer-Aufschrift „Ithaca Post“ trat, hatte sie ein unwohles Gefühl. Nicht, dass sie einen Grund gehabt hätte. Jedenfalls keinen ersichtlichen. Es war Freitagmorgen. Der Sex mit Tessy war gut, aber nicht aufregend gewesen. Stephen war mit dem üblichen Genörgel zum Schulbus getorkelt – und doch: dieses unwohle Gefühl. Monate danach dachte sie an dieses Gefühl zurück. Da wusste sie, was es war.
2
„Du verarschst mich doch“, sagte Shauna und schüttelte den Kopf.
Sie stand vor ihrem Schreibtisch. Um sie herum das gewohnte Klicken und Klackern von Mäusen und Tastaturen. Nicht mal ausgepackt hatte sie, nicht mal ausgepackt. Lucy würde es nie verstehen. Man ließ jemanden ankommen, verdammt. Man ließ ihn auspacken, die erste Tasse Kaffee trinken. Man ließ ihn all das machen, ehe man mit Wortklumpen nach ihm schmiss. Eigentlich hätte Shauna gar nicht reagiert, doch heute war alles anders.
Lucy schüttelte den Kopf. Die Augen hinter der Katzenbrille zu neugierigen Schlitzen verengt.
„Ne…ziemlich sicher. Jemand ist ins Morrisonhaus gezogen. Larry – du erinnerst dich? Der knackige große Blonde mit den Hundeaugen? – arbeitet als Möbelpacker bei INY Movers …“
Shauna schien einen Moment durch Lucy hindurchzublicken. Ihr Verstand tat das, was er in Lucys Gegenwart oft tat. Standby. Sie hatte alle Mühe, dagegen anzukämpfen.
„Du verarschst mich…“, sagte sie wieder.
Lucy grinste verwegen.
„Nene …der Auftrag kam von einem Herrn Pierce…hab Larry gefragt – nur so, aus Interesse – aber als ich den Namen hörte, da…mh…ach was! Gibt bestimmt viele Pierces. Vermutlich ist es einfach ein ulkiger Zufall mhh?“
Shauna lächelte, freudlos. Es sah ihrem Bruder ähnlich, einfach ähnlich. Nicht ein Anruf „Hey Schwesterherz, danke nochmal für den Job. Ach, übrigens, wir haben ein Haus in Ithaca. Ziehen demnächst um.“ Nein, nichts dergleichen. Nicht von ihm, von Todd – stattdessen erfuhr sie es von Lucy.
Shauna sah Todd Jr. Pierce vor sich. Die hohe Stirn, das Hörnchen weißblonden Haars. Die Nase lang, irgendwie rechtschaffen und ein breiter Mund, der so selten grinste – jedenfalls in ihrer Gegenwart. Dann kräuselte sich die Erscheinung von Todd Jr., ging langsam in die von Todd Sr. über. Ein Schauer rieselte Shaunas Nackenwirbel hinab. Sie stellte den Laptop auf ihren Tisch, setzte sich hinter die mausgraue Kunststofftrennwand und starrte auf den Bildschirm.
Sie hörte die weinerliche Stimme ihrer Mutter Janette. Das Telefonat, die Entlassungen bei Boston Electronics. Und sie, Shauna, die ehrenwerte Schwester, kam mit der Lösung um die Ecke. Ein Anruf, nach zehn verdammten Jahren. Sie ballte die Hand zu einer Faust. Der Dank dafür? Schweigen und nichts als die Aussicht auf peinliche Begegnungen im Supermarkt. Danke für nichts, Todd.
Lucys Kopf tauchte über der Trennwand auf.
„Also ist er mit dir verwandt?“, fragte sie.
Lucy hatte ein rundes Gesicht, dünnes blondes Haar. Wenn sie derart über die Trennwand lugte, erinnerte sie an ein Lama, das einen allergischen Schock durchlebte.
Shauna zuckte mit den Achseln.
„Möglich“ sagte sie. „Hat sich mir nicht vorgestellt.“
„Mhm hm hm mhhhh …“, machte Lucy. „Schönes Haus, aber wer auch immer dort einzieht, dem scheint die Geschichte der Vorbesitzer egal zu sein. Mein Opa hat immer gesagt, manche Orte haben ein Gedächtnis …“
Shauna musste schmunzeln. Sie war nicht abergläubig und ihr Bruder Todd ohnehin nicht. Knauserig war er, immer schon. Gab nie Trinkgeld und fragte einmal bei einem Familienfest nach zwei Dollar, die er Shauna für ein Parkticket geliehen hatte.
Shauna schüttelte ungläubig den Kopf. Nein, nein. Wenn einer in das Morrisonhaus ziehen konnte, dann Todd. Das Haus war groß und vor allem günstig. Ach, was. Jeder andere von „außerhalb“ hätte es genommen. Jemand wie Todd hatte keine andere Wahl.
„Vielleicht kommen die Leute von außerhalb?“, sagte sie, den Blick auf den Laptop gerichtet.
Sie stöpselte je ein Oropax in jedes Ohr und blinzelte Lucy entschuldigend zu.
Der Tag konnte nur besser werden.
3
Shauna verließ das Büro gewöhnlich gegen 14 Uhr, um Stephen an der Bushaltestelle abzuholen. Sie fuhr über die Ithaca Road, folgte dann der Dryden Road. Die waldigen Hügel rund um Ithaca leuchteten bereits in den kräftigen Gelb- und Rottönen des Indian Summers. Shauna fuhr ein Stück weiter als sonst, ostwärts. So weit, dass sie einen Teil des Morrisonhauses sehen konnte. Es lag abgelegen in der Falte eines Hanges.
Shauna parkte den Wagen auf dem Standstreifen und stellte den Motor aus. Die Sonne stand bereits tief und erreichte das Haus nicht mehr. Es wirkte ein wenig deplatziert dort, erhöht auf dem Hang. Nichts in der Nähe, keine Nachbarn, nur Wald. Shauna hatte die Bilder gesehen und auch die Interviews der Haushälterin gelesen, die ihre Leichen gefunden hatte.
Shauna spürte, wie die Kälte von außen in den Wagen drang. Sie betätigte die Zündung, stellte die Klimaanlage etwas wärmer. Vielleicht sollte sie über ihren Schatten springen und zu Todd fahren, ihn willkommen heißen. Wieder spürte sie Enttäuschung und Wut – warum sollte sie? Wem täte sie einen Gefallen?
Einen Scheiß war sie ihm wert. Er zeigte sich nicht einmal dankbar.
War es das? War das der Grund für ihre Wut?
Sie sah Todd Jr. vor sich, den distanzierten Blick. Dann lief ihr ein Schauer über den Rücken, der nichts mit der Kälte im Wagen zu tun hatte. In Todds distanziertem Blick schien immer ein Stück ihres Vaters zu schlummern. Sie schloss die Augen und spürte Daddy für einen Moment wieder – die schiere Größe seines Körpers, der einen Raum allein durch seine Anwesenheit füllte. Der schwere Geruch von Whiskey und Desinfektionsmittel. Vor allem aber spürte sie das Gewicht seiner riesigen Hände auf ihren kindlichen Schultern. Kein tröstliches, sondern ein besitzergreifendes Gewicht. Ein Gewicht, das sie festhielt. Sie öffnete die Augen und schüttelte sich. Dann dachte sie an Mary, Todds Frau. Eine Schneiderin, klein, rund und weißhaarig, seit sie fünfunddreißig war. Sie fand immer eine Gelegenheit, um einen Satz aus der Bibel zu zitieren, und empfand nichts als Abscheu für Shauna (und Tessy).
Shauna drehte den Wagen und sah in ihrem Rückspiegel, wie der kleine, schwarze Dachzinken des Morrisonhauses (es ist jetzt das Piercehaus!) hinter einem Hang verschwand.
4
Stephen stieg mit rotem Kopf aus dem Bus. Er hatte die Schulterriemen seines Rucksacks in den Armbeugen hängen. Die Kapuzenjacke trug er kaum höher. Die Schule war vorbei: ein Übel weniger für heute. Doch der Heimweg war fast schlimmer. Die Bushaltestelle vor der DeWitt Middle School voller schreiender Kinder. Echt, alle schrien, zankten, zogen sich an den Haaren oder schmissen sich vor die Bustüren. Stephen hielt sich fern. Er wohnte erst seit zwei Jahren hier, und außer Mitch Vedder, der immer in der Nase bohrte und von Eisenbahnen redete, kannte er niemanden. Also wartete er und wartet und wartete. Endlich im Bus und überall Gestank. Abgewetztes Leder, Schweiß, offene Tupperdosen. Und dann dauerte es nicht lange, bis Melvin auftauchte. Er war bullig, hatte ein Schweinsgesicht und sah mit zwölf aus wie sechszehn. Er spielte auf der Defensive Guard Position, und vielleicht würde er der größte und fetteste Mensch der Welt werden, oder gar Präsident. Besser also, man machte ihn sich nicht zum Feind.
Den Tag über schaffte es Stephen, Melvin aus dem Weg zu gehen. Doch was brachte das, wenn dieser fiese fette Bulli seine Schikanen für die Busfahrt aufhob? Groß und schnaubend stand er dann vor Stephens Sitz, der krampfhaft aus dem Fenster starrte.
„Hey ho Steph Pinkelpierce! Fährt Steph Pipipierce zu seinen beiden Mummies?“ Stephen blieb ruhig, wie immer. Er starrte nach draußen und nur seine Mundwinkel und Schläfen zuckten, wenn ihn Melvin derart ansprach. Er bekam das nie unter Kontrolle, und vielleicht war das der Grund, dass Melvin lauter wurde.
„Heeee hat jemand hier’m Bus zwei Mummis? Keiner? HUH? KEINER? Ist doch komisch, findet ihr nicht? Sag doch mal. HE! ICH RED MIT DIR. PIPIPIERCE…WIE NENNST DU DIE BEIDEN HEXEN? HEXE EINS UND HEXE ZWEI?“
Ein heißer Draht schien sich von Stephens‘ Magen in seinen Hals zu bohren. An guten Tagen zog Melvin gackernd weiter, an schlechten wie heute quetschte er sich neben Stephen auf die Bank und hielt ihm vor, wie seltsam er doch war – wie seltsam seine Muttis waren, und wie jeder in Ithaca – ja, ganz recht, selbst die Demokraten – die Pipipierces hassen würde, weil sie so seltsam waren. Melvin redete dabei sehr schnell und musste oft Luft holen. Sein Atem, eine Mischung aus Doughnut und faulem Apfel. Ithaca bräuchte keine seltsamen Leute wie sie, meinte Melvin. Und sein Vater hätte ihm versichert, dass zwei Frauen keine Kinder machen könnten. Das machte Stephens Muttis zu Lügnern und Hexen und Stephen selbst zu einem – ähm – zu einem feuchten Furz. Und jeder wusste – selbst die verdammten Demokraten – selbst Stephen Pipipinkelpierce wusste, wie sehr feuchte Fürze nervten. Zuletzt setzte sich Melvin mit einer Arschbacke auf Stephens Knie und drückte, bis er rot anlief.
Nachdem all das überstanden war, stand Stephen also an der Bushaltestelle Hanshaw Road, Ecke Pleasant Grove Road. Sein Kopf war rot, als wäre er kurz vor dem Platzen. Neben ihm stand Natalie. Sie las, das braune Haar in einem starken Zopf über die Schulter geworfen. Sie las viel – las im Gehen und im Stehen. Sie war eine Klasse über Stephen, in der Siebten. Klassenbeste und daher unbeliebt, doch Stephen bewunderte sie. Diese Geduld, wow. Wie konnte sie so viel lesen? Er selbst kam nicht mal über das erste Kapitel im Herrn der Ringe hinweg.
Melvin kam quiekend zu ihnen gelaufen. Wie immer hatte er sich vom Candy Store auf der anderen Straßenseite eine Packung Reese‘s geholt. Er reichte Natalie einen Reese‘s. Sie griff danach, ohne aufzublicken und schob ihn sich zwischen die Lippen. Stephen bekam nur ein gedehntes, schokoladiges Grinsen von Melvin.
Es war kein Geheimnis, dass Melvin in Natalie verknallt war. Auf dem Pausenhof stolzierte er in ihrer Nähe, gab sich stark, verprügelte und gängelte Mitschüler. Doch Natalie schien das alles kalt zu lassen.
Stephen saß auf seinem Rucksack, die Arme um die angewinkelten Knie geschlungen, und stierte Natalie an. Sie schien seinen Blick zu spüren und sah kurz zu ihm. Wow, diese grünen Augen. Sie lachte und Stephen konnte die kleine Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen sehen. Er spürte sein Gesicht warmwerden.
„Hah-he-eee“ machte Melvin. „Seht ihr das?“
Er zeigte mit seinem wurstigen Zeigefinger in die Ferne. Stephen blinzelte in den fahlen Himmel.
„Dahaa“
Stephens Blick versuchte dem Gefuchtel Melvins zu folgen.
„Das Haus, hinten am Hang. Könnt ihrs sehen?“
Dann sah Stephen, was Melvin meinte. Der Zipfel eines schwarzen Daches war an einem Hang zu sehen. Weit weg, ganz weit weg. Licht brannte in einem Fenster darunter, mehr rötlich als gelb und kaum größer als eine Nadelspitze.
„Uh-huh“, sagte Stephen.
Auch Natalie sah auf. Melvin nickte ihr mit wichtiger Miene zu.
„Das ist das Morrisonhaus, stimmts?“, sagte er.
„Kann sein“, sagte Natalie gelangweilt. Sie trat wenige Male unruhig auf der Stelle.
„Dann ist jemand eingezogen“, stellte Melvin fest und schob sich den nächsten Reese‘s in den Mund.
Stephen sah zu Melvin, dann wieder zu dem Licht, das verloren am waldigen Hang leuchtete. Jeder an der DeWitt Middle School kannte dieses Haus. Jeder wusste, dass Mr. und Mrs. Morrison darin gestorben waren. War das der Grund, weshalb Natalie nervös auf der Stelle trat?
Es gingen die wildesten Gerüchte um, was wirklich vorgefallen war. Ihre eigenen Kinder hätten sie ermordet. Ein Vampir hätte sie überfallen – Bigfood. Wieder andere behaupteten, das Haus selbst wäre es gewesen. Es würde leben oder sowas. Wäre zehnmal abgebrannt und wieder auferstanden. Ein Haus des Teufels. Ein Schauer erfasste Stephen. Ihm reichte es, dass die Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand und so leise darüber sprachen, dass er die Vornamen der Morrisons bis heute nicht behalten hatte.
Stephen schnaubte. Ihm war es im Grunde egal. Mom Tessy und Mummy Shauna hatten ihm versichert, dass es im Morrisonhaus allzu menschlich zugegangen wäre. Mr. Morrison und Mrs. Morrison wären beide sehr krank gewesen. Organe konnten krank werden. Der Kopf konnte krank werden. So war das nun mal.
Alle drei blickten schweigend zu dem Lichtchen.
Stephen wusste nicht, wieso – aber der Anblick dieses fernen Lichts bereitete ihm Unbehagen. Er war froh, dass das Haus weit weg war. Sehr weit weg.
5
Stephen gab sich im Auto verschlossener als sonst. Diese Schulkinder mit ihrer unsäglichen skrupellosen Art, dachte Shauna. Sie wusste, dass dieser Großkotz Melvin ihm zusetzte. Hoffentlich würde Stephen eines Tages darüber hinwegsehen.
„Wie war’s in der Schule?“
„Uh-huh“
„Der Mathetest? Keine bösen Überraschungen?“
„Uh-huh“
„Ich habe dir mehr als einmal gesagt, dass du zu alt für dieses Uhuh bist. Du bist zwölf und keine neun. Sprich in vollen Sätzen mit mir.“
Stephen nickte widerstrebend.
„Kann ich das Tablet haben?“ Er sah blinzelnd zu Shauna. „Zwei Folgen – bütte bütte büttee…“
Shauna verdrehte die Augen und schnalzte mit der Zunge.
„Natalie sieht sicher kein Dragonball.“
Sie sah im Augenwinkel, wie Stephen das Gesicht verzog, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
„Hör zu, du würdest ihr imponieren, wenn du lesen würdest – du musst nicht rund um die Uhr lesen, natürlich nicht. Reicht, wenn du mit ihr darüber sprechen kannst, was du gerade liest.“
Stephen sah zum Fenster raus.
„Uh-huh“
Stille.
„Also darf ich jetzt? Nur zwei Folgen. Bütte bütte bütteee…“, sagte Stephen.
Shauna bog in die Pleasant Grove Lane. Die Laternen waren bereits angesprungen. Sie parkte ihren Chevy in der Einfahrt eines schmalen, weißen Reihenhauses. Licht brannte in der Küche und das Fenster war beschlagen.
„Mom Tessy ist heute offenbar früher zuhause.“
„Yuhu“ rief Stephen.
„Wir essen und unterhalten uns ein wenig. Dann darfst du das Tablet haben…“, sagte Shauna.
Stephen nickte, öffnete die Autotür und rannte in die Arme Tessys, die ihn bereits erwartete.
Tessy arbeitete als Forscherin im Accounting Department der Cornell-Universität und kam gewöhnlich nicht vor sechs nach Hause. Manchmal fiel etwas aus oder ihr Chef reiste ab und sie arbeitete von zu Hause weiter. Doch eigentlich war sie fast nie zuhause. Sie unterrichtete, besuchte Konferenzen und beriet Firmen und reiche Amerikaner, wie sie noch reicher werden konnten. Forschte zu irgendwelchen Methoden, die Vorhersagemodelle genauer machten. Tessy selbst fehlte das Geld und die Gier, um von ihren eigenen Modellen zu profitieren. Blöde Ironie. Für Shauna reichte es, dass Tessy doppelt so viel verdiente. Fuck it. In erster Linie waren sie wegen des Geldes hergezogen. Und – hey! – Tessy unterrichtete. Sie hatte Einfluss auf – auf die Elite von Morgen. Shauna konnte das nicht von sich behaupten. Skandale kamen selten ans Licht. Ansonsten war Journalismus Massenfertigung. Knappe Texte, aufgeblasene Inhalte. Außerdem hatte Shauna mit diesem fiesen, notgeilen Chefredakteur Gallagh zu tun.
Shauna schlug einmal auf das Lenkrad. Dann zog sie den Schlüssel und folgte Stephen in die Arme Tessys.
Nach dem Essen – Tessy hatte Käse-Makkaroni gekocht – verlor Stephen wenige Worte über den Mathetest.
„War in Ordnung – bestanden hab ich, denk ich…hoff ich…“ Stephen legte ein klägliches Grinsen auf. „Hab nicht dafür gelernt, nicht ein Bisschen. Wenn ich trotzdem bestehe, ist das dann wieder gut, nich?“
Tessy strich sich das schwarze Haar hinter die Ohren. Diese Einstellung Stephens brachte jemanden wie sie innerlich zum Kochen. Tessy glaubte, dass man mit Fleiß und Kontinuität alles schaffen konnte. Shauna stimmte ihr zu, ging jedoch nachsichtiger mit Stephen um. Sie hatte in Stephens Alter genauso gedacht.
Tessy fasste Stephens Hand. Ihre geweiteten Augen sagten Stephen: „Pass auf“.
„Steph, wie oft noch“ sagte sie. „Bei deinem Abschlusszeugnis gibt es keine Extravermerke, wie „Stephen tat besonders wenig für seine Noten“ – Mensch, Stephen! Du bist ein intelligenter Junge. Warum zeigst du es den Lehrern und der Welt da draußen nicht?“
Stephen hielt Tessys Blick wenige Sekunden stand und nickte. Langsam sah er zu Shauna.
„Mummy hat mir versprochen, dass ich nach dem Essen…“
„Na los …“, sagte Shauna nur.
Stephen brachte seinen Teller in die Küche, räumte auch die Teller seiner Eltern ab und holte sich je einen Kuss dafür. Dann rannte er ins Wohnzimmer und holte das Tablet aus einer Schublade unter dem Wohnzimmertisch. Er zog sich Shaunas schwarze Kopfhörer über die Ohren, die ein wenig zu groß waren. Die Ledercouch gab einen leisen Furz ab, als er sich darauf warf. Schon beschien das blasse Licht des Tablets Stephens angespanntes Gesicht.
Tessy sah sorgenvoll zu Stephen.
„Dragonball …“, sagte Shauna und griff über den Tisch nach Tessys Hand.
„Und zu Weihnachten wünscht er sich eine PlayStation 4 …“, sagte Tessy und seufzte. Sie streichelte Shaunas Handballen, stützte das Kinn auf dem freien Handteller und sah mit verträumter Miene zu ihr hinüber. Ihre Augen tasteten kurz über Shaunas Gesicht.
„Warum erzählst du mir nicht, was los ist?“, sagte sie.
Shauna sah sie irritiert an, musste dann schmunzeln. Es war unheimlich, wie Tessy durch sie hindurchsehen konnte. Wie machte sie das nur? Auch Shauna beugte sich über den Tisch und schielte kurz zu Stephen. Er starrte mit gebanntem Blick auf das Tablet. Sie sprach mit gedämpfter Stimme:
„Jemand ist in das Morrisonhaus gezogen. Lucy…“
„Lucy…“, stöhnte Tessy.
„Lucy hat von einem Möbelpacker erfahren, dass ein Mr. Pierce eingezogen ist …“
Tessys Lächeln gefror.
„Nicht dein Ernst“
Stephen zuckte auf und beide sahen zu ihm. Er grinste ihnen zu und sah dann wieder auf das Display.
Tessy stieß ihren Stuhl so heftig zurück, dass er über die Fliesen schrammte. Sie kam um den Tisch und setzte sich auf Shaunas Schoß. In ihren Augen loderte eine stille Wut, die Shaunas eigene Verbitterung nur noch verstärkte. Wie konnte Todd nur? Wie konnte er? Nicht ein Wort. Sie war seine Schwester, verdammt, seine Schwester. Sie hatte ihm den Job vermittelt. Sie! Kein Dank, nicht ein verdammtes Wort.
„Er hat dir nichts gesagt hm?“
Shauna schlug die Augen nieder. Als sie zu Tessy aufblickte, war ihr Blick wässrig. Weinte sie etwa? Wegen ihrem Bruder? Wie jämmerlich sie doch war. Am liebsten hätte sie sich aufgelöst.
„Natürlich nicht“ sagte sie und rieb sich die Augen.
Für einen Augenblick schienen Blitze in Tessys Augen zu zucken.
„Er ist ein Idiot, schlicht und einfach und und und eigentlich ist er mehr als das. Ein ein …“ Sie sah kurz zu Stephen. Dann rieb sie mit ihrem Daumen eine einzelne Träne weg, die es bis zu Shaunas Grübchenkinn geschafft hatte. „Andererseits ist das vielleicht auch eine Chance, finde ich. Eine Chance, die du euch beiden ermöglicht hast. Den Graben überwinden, du weißt schon …“
Shauna spürte, wie Wut ihre Haut mit Hitze überzog. Sie schüttelte den Kopf
„Warum soll ich immer diejenige sein, die einsteckt – die einen Schritt entgegenkommt?“
„Ich weiß, Liebes, ich weiß …“, sagte Tessy. „Du hast ihn nach Jahren angerufen. Das war wirklich wirklich stark. Du hast ihm den Job besorgt. Er ist dir zu Dank verpflichtet – da bin ich bei dir, voll und ganz. Und doch weißt du am besten, was dein Vater aus euch gemacht hat. Vielleicht hat Todd nicht deine emotionale Stärke. Vielleicht fehlen ihm die Werkzeuge, um…“
Shauna schüttelte heftig den Kopf.
„Nein nein nein! Wenn er sich nicht meldet, ist er für mich gestorben“, sagte sie im harten Ton, der Stephen wieder aufblicken ließ.
Sie duckte sich ein Stück hinter Tessy, kämpfte mit den Tränen. Sie hasste sich in diesem Moment. Man, war sie schwach, erbärmlich. SO erbärmlich.
Tessy küsste sie auf die Stirn und lenkte ihr Gespräch auf die Arbeit in der Uni. Das Übliche. Ihr engstirniger Chef, Professor Weissblath ließ ein vielversprechendes Forschungsprojekt liegen, um sich einen Schlagabtausch mit einer anderen Koryphäe seiner Zunft zu liefern. Männer …
In der Nacht lag Shauna lange wach. Ihr Gesicht war meist angespannt. Sie versuchte ihren Bruder zu vergessen, versuchte es wirklich. Sie wünschte sich ein weiteres – ein letztes Telefonat mit Todd und verwarf den Gedanken wieder.
Sie kannte ihn zu gut. War sie wirklich wütend auf ihn? Oder nur auf sich selbst? Spielte das eine Rolle? Es war ein ständiges Tauziehen. Sie war wütend auf sich, auf Todd, auf sie beide, und natürlich auf ihren Vater. Es war, als hätte dieses geschwätzige, neugierige Ding Lucy etwas heraufbeschworen – etwas, das Shauna niedergerungen glaubte. Auch auf Lucy war sie sauer, ist doch klar. Endlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Als sie die Augen öffnete, lag sie in ihrem Kinderbett, direkt unter dem Dach. Das Fenster über ihr war einen Spalt geöffnet. Die schmale Mondsichel hinter grauschwarzen Wolken. Sie lag da und hatte das Gefühl, gefangen zu sein. Festgekettet. Sie musste hier weg, schnell. Sie strengte sich an, doch weder Arme noch Beine rührten sich. Tu etwas. Beweg dich. Flieh durch das Fenster. Schnell, bevor…
und dann hörte sie, wie die Türe aufging. Dieses elende Quietschen, das ihre Glieder wie mit Eiswasser übergoss. Die Stimme ihres Vaters. Die Stimme des Teufels, im Flüsterton. „Tschtsch…ist schon gut, Kleines. Ich bin´s nur. Ich bin´s…“ Sie schrie und kein Schrei war zu hören. Sie strampelte und ihre Glieder blieben taub. Sie hörte Schritte. Dann das Gewicht eines Körpers, der sich neben ihr ins Bett legte – eines riesigen Körpers. Unter ihm wölbte sich die Matratze, ein Krater entstand. Shauna rollte auf das Monstrum zu – stürzte, stürzte, stürzte – sie stürzte auf die Stimme zu: „Ist schon gut, Kleines. Ich bin´s nur. Du hattest einen Albtraum, mhh?“ Hände haschten aus schwarzen Wänden. Hände, die sie berührten. Ihren Nacken. Ihre Schulter. Ihre Brust. Tschtschtsch. Shauna schreckte auf, das Gesicht schweißnass. Ihr Herzschlag dröhnte in ihrem Kopf.
Tessy stellte das Nachtlicht an und kraulte Shauna den Rücken.
„Hattest du einen Albtraum?“
Shauna nickte nur, unfähig zu sprechen. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, wie ein gefangener Vogel, der auszubrechen versuchte. Der Stoff ihres Pyjamas klebte feucht an ihrer Haut.
„Ist schon gut“, presste sie hervor. Ihre Stimme klang fremd und brüchig.
Tessys Berührung war warm, doch die Kälte des Traums saß tiefer. An Schlaf war nicht zu denken. Ihr wurde klar, dass mit Todd mehr als nur ihr Bruder hergezogen war, und sie fürchtete, dass es zu früh dafür war – dass sie nicht bereit war.
AUSZUG AUS BEWEISSTÜCK L-2778-B
… Die Privilegierten unter uns finden sich am Ende ungefähr dort, wo sie sich am Anfang gesehen haben. Doch für die meisten wartet am Ende eine riesengroße Ernüchterung. Oder Schlimmeres, weit Schlimmeres. Und es gibt nichts – nichts, was man dagegen tun kann, verstehst du? Ich weiß, dass du es nicht kannst. Nicht jetzt, nicht nachdem –
Die Sache ist die: Ob ich krank gewesen wäre oder gelähmt – es wäre alles genauso gekommen. Nichts hätte es verhindert.
6
Am nächsten Tag schleppte sich Shauna durch den Morgen. Sie verließ das Büro gegen 13 Uhr. Migräne. Es ging nicht mehr.
Zuvor hatte sie ihren Freund und Psychologen Henry Neville angerufen. Er hatte etwas Zeit. Henrys Praxis lag in Northeast Ithaca, Hanshaw Road, Ecke Salem‘s Drive. Die Wände des Sprechzimmers flankierten schwarzhölzerne Regale voller Bücher. Stumme Riesen. Und in der Mitte des Raumes, unter einem Kronleuchter, stand ein massiver Mahagonieschreibtisch. Ein Füller samt Füllerhalter, Marke Montblanc, auf der Tischplatte. Hin und wieder konnte man das Raunen ferner Flugzeugturbinen hören. Der Flughafen war nicht weit.
Kurz nachdem Henrys Sekretärin Shauna in das Sprechzimmer gelassen hatte, kam Henry durch die Türe, hager, leicht gebeugt. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, dafür einen ausgesprochen markanten Kiefer und einen riesigen Mund voller Zähne. Seine Nase wirkte winzig gegen diesen Mund voller Zähne.
Wie immer trug Henry ein weißes Hemd, bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, und eine schwarze Leinenhose. Er kam zu Shauna, schüttelte ihre Hand und grinste. Zähne, überall Zähne. Dann nahm er die übliche Position ein, lehnte sich rücklings an den monströsen Schreibtisch. Er nickte und Shauna begann zu erzählen. Das übliche Prozedere. Erzähl weiter. Weiter. Wie fühlst du dich dabei. Mach die Augen zu. Wo fühlst du es?
Als Shauna fertig war, faltete Henry die Hände über seinem Schoß.
„Wessen Idee war der Anruf bei Todd wirklich, Shauna?“
„Die meiner Mutter“, gab sie zu.
„Und was, ganz ehrlich, war deine Hoffnung dabei?“ Shauna schwieg. Das Bild ihres Bruders, wie er sich als Kind vor Daddy wegduckte, blitzte vor ihr auf. Ihn retten. Der Gedanke war absurd, kindisch.
„Ich weiß nicht“, log sie.
„Du hast deinen Teil getan“, sagte Henry leise. „Du hast die Tür aufgestoßen. Ob er hindurchgeht, liegt nicht in deiner Verantwortung.“ Die Worte trafen sie. Nicht als Analyse von außen, sondern als Bestätigung dessen, was sie selbst gerade schmerzhaft erkannte. Die Last auf ihren Schultern war nicht leichter, aber sie fühlte sich zum ersten Mal wie ihre eigene an. Henry hatte natürlich recht. Er hatte immer recht. Shauna sollte sich auf das Positive fokussieren. Immerhin hatte sie ihrem Bruder einen neuen Job besorgt und damit auch die Sorgen ihrer Mutter besänftigt.
Sie bekam die Hausaufgabe, ein Traumtagebuch zu führen. Sie wusste, dass es half. Sie würde es wieder tun. Und als sie Henrys Praxis verließ, hatte sie bereits das Gefühl, leichter atmen zu können. Sie stieg ins Auto und machte sich auf den Weg Richtung Stephen. Ach, sie und ihre Gefühle. Wie schnell sie sich in etwas verrennen konnte. Sie hatte schlicht den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, wie es so schön hieß. Todd war Todd. Und nun war dieser Todd hier. Das machte ihn genauso wenig zum Teil ihres Lebens, wie er es zuvor gewesen war. Und sie spürte, dass sie daran eigentlich nichts ändern wollte. Sie drehte das Radio lauter und sang mit Freddie Mercury das A-cappella-Intro von Bohemian Rapsody.
Als sie Stephen eingesammelt hatte, rief sie im Hawi‘s an und bestellte einen Mischteller. Tessy würde in der Uni essen, nicht vor dem Abend zurück sein, und Stephen liebte die äthiopische Küche im Hawi‘s.
Shauna staunte immer wieder, wenn sie die Portionen sah. Die packten so viel drauf, dass es für zwei Tage reichte. Auch Shauna mochte die Gewürze und so weiter. Leider hatte ein Teller bei ihr das Vierfache an Toilettenbesuchen zur Folge …
Stephen schnupperte auf dem Weg nach Hause an dem Essen, das in Papier eingewickelt auf seinem Schoß lag. Als Shauna die Haustüre öffnete, wäre er mit dem Teller fast über die Schwelle gestolpert.
„Nicht so hastig, Steph. Bitte …“
„Uh-huh“
Stephen ließ den Rucksack fallen, schlüpfte im Gehen und Hüpfen aus seinen Schuhen. Shauna brachte ihm Gabel und Messer an den Tisch. Dann stürzte er sich mit wölfischer Eile über das bunte, würzig duftende Essen.
„Wie war die Schule?“
„Woa okö…“, sagte Stephen. Aus seinem Mund quoll heißer Dampf.
Als er gut ein Drittel gegessen hatte, packte Shauna den Rest ein und stellte ihn in den Kühlschrank. Stephen warf sich voller Freude auf die Couch, mit dem Tablet. Er hatte nicht gefragt. Doch Shauna hatte das Gefühl, dass er auf der Schule genug litt. Wenn er jetzt eine Stunde Dragonball sah, hatte er immer noch genug Zeit, um seine Hausaufgaben zu machen.
Shauna holte ihren Laptop aus der ledernen Umhängetasche, die sie über die Stuhllehne gehängt hatte. Sie gab das Passwort ein und öffnete einen Ordner mit dem Titel „Stories“. Darin befanden sich weitere Ordner. Hinter jedem steckte ein ungelöster Kriminalfall, für den Shauna Recherchen angestellt hatte. Viele dieser Fälle waren bis heute ungelöst. Eigentlich alle – alle, bis auf einen. In einem Fall hatte Shauna neue Informationen ans Licht gebracht. Sogar den Täter hatte man gefasst. Dank ihr – fast dreißig Jahre später. Die Ramseys. Eltern und Baby Kelly verschwunden, und Shauna hatte einfach dort weitergemacht, wo die Polizei aufgehört hatte. Sie hatte mit Verwandten gesprochen. Einen mysteriösen Anruf ausfindig gemacht. Ein Mann, der mitgeteilt hatte, dass die Eltern einer Sekte beigetreten wären und den Kontakt abbrächen. Shauna hatte alte Telefonrechnungen gewälzt, war der Spur zu einem pensionierten Priester in Enfield gefolgt. Tja, und dort fand sie dann die zweiundvierzigjährige Kelly, die mittlerweile drei Kinder hatte. Zwei Leichen wurden im Garten des Priesters gefunden. DNA-Forscher im ganzen Land halfen dabei, Kellys Eltern zu identifizieren. Der Rest ist buchstäblich Geschichte. Selbst die Ithaca Post schrieb darüber. Kelly hatte inzwischen sogar Kontakt zu ihrer Tante. Ein Happy End, wenn es das in solch einer Geschichte überhaupt geben konnte. Was geblieben war, war das Pochen in Shaunas Hals. Das Gefühl, für einen Moment wirklich lebendig zu sein. Es war dieser eine Fall, der zwölf weitere zu Folge hatte. Zwölf Fälle, nur wegen diesem einen, und nicht ein Erfolg. Unzählige Treffen und Telefonate mit zwielichtigen Personen. Trauer, Wut und Lebensgefahr. Kein Scheiß, einmal fuhr Shauna bis nach Buffalo, um einen Verfolger abzuhängen. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie hatte Tessy versprechen müssen, mit ihrem Hobby aufzuhören.
Zweieinhalb Monate hatte sie ihre Enthüllungsgeschichten, wie Tessy sie nannte, auf Eis liegen lassen. Eine lange Zeit, wie sie fand. Niemals würde sie das Gefühl vergessen. Das Gefühl, verfolgt – nein, gejagt zu werden. Sie hatte um ihr Leben gefürchtet.
Shauna sah zu Stephen, der wild mit den Armen fuchtelte und schnaubte, als kämpfte er gegen die Luft. Sie schmunzelte und dachte, dass sie sich nie so lebendig gefühlt hatte, wie damals. Enthüllungsgeschichten, ja – ihre Enthüllungsgeschichten. Es war ihr Ding gewesen. Ihr Weg, den Schwachen und Ungehörten ein wenig Gerechtigkeit zukommen zu lassen.
Shauna schüttelte langsam den Kopf. Ihr Online-Blog „coldcaseithaca“ wurde noch immer besucht. Sie hatte sogar Anfragen für sinnlose Werbefenster bekommen. Gegen ein Entgelt versteht sich. Sie konnte Gutes tun und damit Geld verdienen.
„Yeahh!“, rief Stephen und reckte die Fäuste. „Zeig‘s ihm, Son Goku!“
Shauna ließ den Mauszeiger über die Ordner wandern, machte dann einen Rechtsklick und erstellte einen neuen Ordner mit dem Namen „Morrison“.
Keine Sorge Tessy. Keine neue Enthüllungsgeschichte.
Sie würde nur sammeln, was es im Internet zu finden gab. Keine Telefonate, keine Verfolger.
Das hatte sie versprochen.
7
Natalies Lieblingsbuch war Das letzte Einhorn und gerade las sie Die Tribute von Panem, zweiter Teil. Stephen hatte sie gestern an der Bushaltestelle gefragt. Ihre Bücher holte sie sich selbst, bei einem Gebrauchtbuchladen. Faded Leaves, direkt gegenüber der Schule. Stephen hatte allen Mut zusammengenommen und gefragt. In etwa so: „Würdest du einmal mit mir hingehen?“ Er glaubte, er sei ein Leser – nein, wirklich – eine richtige Leserratte. Er fühlte das, irgendwo tief in ihm drin. Er brauchte nur den …den richtigen …naja …Einstieg. Den ersten Tipp, der alles ins Rollen brachte, oder sowas. Natalie hatte von ihrem Buch aufgesehen und gekichert. Melvin hatte die Fäuste so sehr angespannt, dass die Packung Reese‘s geknistert hatte.
Nun war es Donnerstag, ein blasser, kühler Septembermittag. In der Pause trat Natalie mit Stephen durch das rote Backsteintor der DeWitt Middle School. Der Laden auf der anderen Straßenseite war kaum zu sehen. Ein ausgeblichenes Schild mit grauen Buchstaben. Dann Fenster, wie im Modeladen – nur standen im Licht der Schaufenster einzelne, ausgewählte Bücher.
Ein Glöckchen bimmelte, als Natalie mit Stephen durch die Ladentür trat. Der Verkäufer, ein Fettsack mit einem schwarzen Zopf und einem fransigen Schnurrbart saß hinter der Ladentheke. Starrte auf sein Smartphone, sah kurz auf, grüßte Natalie beim Namen und blickte wieder auf das Smartphone. Hohe Regale an den Außenwänden, kleinere in der Mitte. Stephen folgte Natalie in ihr Reich. Sie strahlte richtig, als ginge in jedem der Buchrücken eine kleine Sonne für sie auf.
Stephen wünschte sich, er könnte den Inhalt der Bücher aufsaugen. Sie berühren und wush! Wie bei Space Jam, nur mit Büchern statt Basketbällen. Natalie führte ihn vorbei an Büchern und Schallplatten und Videospielen. Gameboy, Nintendo64. Alles alter Mist, den kein Junge brauchte.
Natalie zog einen Buchrücken heraus, schürzte die vollen Lippen, sah zu Stephen und schob das Buch kichernd wieder zurück. Stephen grinste schwärmerisch. Er bekam dieses Grinsen gar nicht weg. Und das Schlimme daran: Er merkte es selbst. Was war nur los? Als er kleiner war, hatten ihn Mädchen nur genervt. Er erinnerte sich daran, aber die Erinnerung war bereits verblasst. Wie war das noch? Die Welt war wie …eine riesige Wand voller bunter, geheimnisvoller Schubladen gewesen.
Schublade eins: Ihr Nachbar, Mr. Woltrand, aus Boston. Hatte immer einen Gartenschlauch in der Hand – der Mann mit dem Gartenschlauch. Sein Rasen war der schönste in den USA.
Schublade zwei: Professor Canvas war der klügste und gleichzeitig egozem…egozen…in jedem Fall der Mann von Mums Arbeit. Ihm gehörte das unaussprechliche Wort.
Schublade drei: Eine Straße weiter lebte eine verrückte alte Frau, die immer aus dem Fenster starrte und lachte, wenn man vorbeilief. Stephen hatte einmal an ihrem Türschlitz gerochen. Es roch nach Pipi.
Schublade vier: der Tod war so langweilig, wie die Namen ferner Orte, oder die Gespräche der Erwachsenen.
Schublade fünf: Katzen hatten sieben Leben, nur die Katze der Simons nicht. Sie lag tot da, nachdem sie überfahren wurde. Veranda Simon behauptete, es wäre ihr siebtes Leben gewesen.
Schublade sechs: Filme waren nicht echt. Wirklich nicht.
Schublade sieben: Football war brutal und kein Männersport, weil es keinen Männersport gab.
Schublade acht: Alle Republikaner waren Idioten.
Schublade neun: Erwachsene sahen lustig aus und hatten lustige Stimmen. Das kam von der Pubertät. Vincent Strader meinte, dass er nicht hingeht.
Schublade zehn: Mädchen spielten langweilige Spiele und konnten nicht rülpsen – nicht mal, wenn man es ihnen zeigte. Und sie waren überhaupt ziemlich nervig.
Jetzt war alles anders. Die Schubladen waren fort, aufgerissen, wegschmissen. Und der Inhalt? Neues und Altes und alles vermischt. Wer konnte da noch sagen, welches was war? Man wurde zwölf und zack! war man ein Alien. Neu ausgesetzt in diese Welt. Irgendwie schon. Wie ein Alien. Zum Beispiel jetzt. Was war das? Stephen fühlte diese Wärme in Natalies Nähe, in seinem Bauch und anderswo.
Er sah ihr zu, wie im Bann. Sah ihren Finger über Buchrücken streichen. Ihren angestrengten Blick. Den geraden, schlanken Hals. Ach – Herrje. Hier zu sein, mit Natalie. Allein, ohne Melvin oder sonst wen. Es fühlte sich so – so unwirklich an. Sein Gesicht glühte und seine Brust war voller Luft und Flügelschläge.
„Wie wäre es hiermit?“, sagte Natalie endlich.
Sie hielt Stephen ein Buch vor die Nase. Er schob die Brille hoch. Eine Bewegung, die ihn intelligenter wirken ließ. Hoffte er zumindest.
„Dahhs Bös se kommt auf leisen Sohlehen…“, las er. „Klingt…ähm…klingt unheimlich.“
Natalie grinste.
„Ray Bradbury ist soo coool. Ich schwöre. Er schreibt bildhaft und schön und dahinter verbergen sich oft tiefe Abgründe. Ich will nicht zu viel verraten. Lies es. Meine Empfehlung.“
Stephen nahm das Buch aus ihrer Hand. Er grinste und sie grinste und auch ihre Wangengrübchen grinsten. Wahnsinn.
Natalie zahlte dem Fettsack an der Ladentheke einen Dollar, fragte nach einem Kugelschreiber und schrieb in die Innenseite des Buchdeckels.
„Für Stephen, von Natalie. Eine Starthilfe.“
Stephen nahm das Buch entgegen.
„Ich kann’s kaum abwarten. Würde es am liebsten gleich lesen.“
Natalie blinzelte ein Lächeln.
„Wir haben sicher noch fünf Minuten Pause …“, sagte sie und zog Stephen wieder Richtung Türe. Ja, sie nahm seine Hand. Wahrhaftig. Juhu! Das musste der schönste Tag seit langem – ach was – in seinem Leben sein.
Sie traten in das blasse Tageslicht hinaus. Stephen kniff die Augen zusammen, wie ein Maulwurf, der an die Oberfläche gestoßen war. Sein Blick festigte sich und dann sah er Melvin, und einige andere Footballidioten. Sie warteten am Tor.
„Wie geht’s Natalie?“, rief Melvin.
Natalie nickte stumm.
Melvin wandte sich Stephen zu und seine Sommersprossen schienen wie eine Horde Ameisen auf seinen Wangen zu quirlen.
„Du gehst ihr aufn Nerv, Pipipierce! Merkst du‘s nicht?“ Er trat Stephen in den Weg. Stephen versuchte es links- und rechtsherum. Melvin ließ ihn nicht vorbei. Er packte Stephens rechtes Handgelenk, riss ihm das Buch aus der Hand und hielt ihn am Kragen auf Reichweite. Angestrengt blickte Melvin auf das Buch. Seine Lippen bewegten sich, als er versuchte, den Titel zu lesen. Was ein Idiot. Er bekam es nicht hin.
„Wasn das fürn Mist?“
Trend, ein drahtiger Junge mit riesigen Ohren und einem Leberfleck über dem Mund, beugte sich interessiert vor und betrachtete das Cover. Für einen Moment blitzte etwas wie Interesse in seinen Augen auf. Dann bemerkte er Melvins spöttischen Blick, schluckte seine Neugier hinunter und lachte schrill auf. „Was ein Opfer.“
Melvin grinste dämlich und sah zu Coy über die Schulter. Dann schlug Melvin Stephen mit dem Buch vor die Stirn. Wieder und wieder. Trend lachte schrill auf.
„Seht ihn euch an.“ Er formte mit der rechten Hand einen Trichter um den Mund und rief: „Opfer, Opfer, Opfer …“
Die anderen Idioten stimmten mit ein. Stephen kniff die Augen zusammen. Noch war es der Beste. Ouch! Tag. Jaaa. Ouch! Noch war dieses Gefühl in ihm zu retten.
„Wo sind deine scheiß Hexen jetzt, heh?“, rief Melvin amüsiert. „Rufst du gleich deine beiden Muttis?“
Melvin schlug härter zu.
„Opfer, Opfer, Opfer …“, riefen die Footballidioten.
Natalie wollte helfen, wurde von Trend festgehalten, und schrie.
Melvin lachte hysterisch auf. Dann schleuderte er Stephen das Buch ins Gesicht. Es war nur ein dünnes Softcover, doch es traf Stephen so hart und unvermittelt, dass ihm seine Brille von der Nase fiel. Er stürzte auf die Knie, suchte mit den Händen nach der Brille. Er war fast blind ohne das Ding. Er spürte einen Bluttropfen, der seinen Nasenrücken hinunterlief. Ah, da – die Brille. Er setzte sie sich auf die Nase. Seine Hand zitterte. Er war kurz vor dem Heulen. Oh boy. Gleich würde er flennen, wie ein Baby. Er durfte nicht flennen, durfte nicht. Nicht wegen diesem Schwein. Seine Lippen zitterten. Er suchte das Buch am Boden, haschte danach. Melvin trat ihm auf die Hand. Stephen spürte, wie sich seine Finger unter dem Gewicht spreizten. Ein stechender Schmerz schoss durch seine Hand, seinen Arm. Melvin wog eine Tonne, vielleicht mehr. Stephen schrie, und Melvin und die anderen lachten umso lauter. Wut schwoll in Stephens Brust. Was hätte Son Goku getan? Er schrie wieder – diesmal tiefer, durchdringender – vor Zorn. Und dann gab er Melvin einen Haken zwischen die Beine. Ja, er boxte diesem Arschloch in die Eier. Son Goku hätte das sicher anders gelöst. Doch genauso sicher hätte Stephen keinen größeren Schaden bei Melvin anrichten können. Melvin zuckte zusammen, die Stirn bleich.
„Ohhahh na warte…“, grunzte er.
„Was ist hier los!“, rief eine hysterische Frauenstimme.
Stephen hatte das Gefühl, dass seine ganze Umgebung brodelte, wie die Oberfläche einer Suppe. Es dauerte, bis er Mrs. Dallas wahrnahm. Sie stand plötzlich neben Trend, der größer war als sie. Natalie dicht hinter ihr.
„Dieses feige …Lesbenkind hat mich getreten. In die …in die …“ Melvin bekam den Satz nicht ausgesprochen. Die nächste Schmerzwelle ließ ihn zusammenzucken. Mrs. Dallas war Mitte dreißig, hatte blonde kurze Haare und den Körper einer Boje. Ihr kleines Gesicht war puterrot vom Laufen.
„Melvin Bugler …“, sagte sie mit dünner Stimme. „Niemand – hörst du – niemand auf dieser Schule ist ein feiges Lesbenkind.“
„Es stimmt“, meinte Trend. „Stephen hat Mel in die Eier getreten. Das ist voll der Weiberkram und so …“
Mrs. Dallas sah mit einer gehobenen Braue zu Trend.
„Trend Liam …“, sagte sie. „Du schreibst einen Aufsatz darüber, warum es keinen Weiberkram gibt. Abgabe bis morgen. Und Tschüss …“
Dann sah sie abwechselnd zu Stephen und Melvin.
„Melvin und Stephen. Ihr kommt beide mit zu Rektor Flinch. Natalie, du auch.“
Rektor Flinch war vierzig oder fünfzig. Er hatte buschige Brauen, die wie kleine weiße Feuerchen über seinen Augen zu züngeln schienen. Während er den Schilderungen Natalies zuhörte, galt sein zorniger Blick nur Melvin. Wer ihm solch widerwärtige Beleidigungen beigebracht hätte, fragte er. Vielleicht sollte er Mr. Bugler anrufen. Gleich jetzt.
Stephen hatte den Schilderungen Natalies nichts hinzuzufügen, und Melvin versuchte nicht einmal sich zu verteidigen. Er sah nur auf die Hand des Rektors, die das gesamte Gespräch über auf dem Telefonhörer lag. Zweifellos war Melvin ein Dauergast im Büro des Rektors. Was nicht für Natalie galt. Sie war eine Vorzeigeschülerin und ihr Erscheinen hier sprach für sich.
Der Rektor beließ es bei einer allerletzten Verwarnung. Melvin wurde zu zwei Wochen Nachsitzen verdonnert. So konnte er die Hausaufgaben in Mathematik, Geschichte, Erdkunde, Biologie und Physik nachholen. Bevor er Melvin entließ, warnte Rektor Flinch:
„Attackierst du deinen Mitschüler Stephen verbal oder körperlich noch einmal. MELVIN. SIEH MICH AN. NOCH EINMAL. HÖRST DU? Nur ein Quäntchen – dann verweise ich dich von dieser Schule.“ Flinchs Stimme war wie ein Donnergrollen. „Ich habe die Schnauze nämlich gestrichen voll, um es in deiner Sprache zu sagen – vielleicht kommt DAS ja bei dir an.“
„Das können Sie nicht!“, rief Melvin nur. Er hatte Tränen in den Augen. „Nicht wegen – wegen sowas …“
Melvin sah wutfunkelnd zu Stephen. Flinch stand plötzlich auf. Er war dick und klein und sein Pult verschob sich leicht – so ruckhaft war er aufgestanden.
„Raus mit dir! Raus! Bevor ich mich verliere …“
Melvin stand auf, die Unterlippe vorgeschoben. Sie glänzte und zitterte, diese fette Unterlippe. Er stampfte zur Tür hinaus, knallte sie hinter sich zu.
Flinch sah Melvin mit ernster, rechtschaffener Miene hinterher. Dann wandte er sich Stephen zu.
„Du hattest allen Grund, dich zu verteidigen, mein Junge. Allen Grund …“, sagte er nur.
Er schwieg und sein Blick wurde …anders. Irgendwie weich. Stephen kannte diesen Blick. Er war damit aufgewachsen. Im Kindergarten. In der Grundschule. Lehrer und Eltern hatten ihn. Dieser Blick gab ihm das Gefühl, bemitleidenswert zu sein. Dieser Blick machte ihn kleiner, als er eh schon war. Wieso sahen ihn die Erwachsenen nur immer so an? Stephen wusste nicht, was er sagen sollte.
„Es tut mir leid – ich …wollte ihn nicht boxen“, sagte er endlich.
Der Rektor nickte Stephen zu und auch Mrs. Dallas, und dann entließen sie ihn in die vierte Unterrichtsstunde. Geschichte. Gähn! Auch das noch …
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